PREY MODEL RAW
Rohfütterung macht aggressiv, ist unhygienisch und auch noch unausgewogen? Diese und andere Mythen hören auch wir immer mal wieder. Wieso sich unsere Hunde nicht gegenseitig zerfleischen, Wild jagen und an Mangelerschneinungen leiden, erklären wir hier.

Rohfütterung macht aggressiv ... oder?
Nein, manchmal sogar das Gegenteil. Da manche Hunde verwertungstechnisch nicht gut mit Kohlenhydraten aus Fertigfutter (wie Reis und Getreide) umgehen können und dann mit Unruhe, Hyperreagibilität und Reizbarkeit reagieren, kann das Weglassen von Pflanzlichem sie sogar ausgeglichener machen.
Vermutlich entstand dieser Mythos einerseits, da viele Hunde deutlich begeisterter auf Roh reagieren als auf Fertigfutter. Klar: Riecht ja auch viel ansprechender. Diese "wertvolle Ressource" namens Rohfutter (im Sinne von Fleisch, Knochen usw.) kann dann auch mal vehement vor dem eigenen Halter verteidigt werden. Vor allem, wenn die Erziehung noch nicht ganz "sitzt".
Zum anderen mag hier auch der generelle Konsensus von Fertigfutter-Fans mitspielen, die Rohfütterung grundsätzlich ablehnen und pauschal schlechtreden, da sie - aus deren Sicht - niemals ein vollwertiges Hundefutter darstellen könne.

Aber Rohfütterung fördert den Jagdtrieb!
Nein, auch das nicht. Hunde sind bekanntermaßen nicht dumm. Ihre Nase unterscheidet eindeutig zwischen "tot" und "potenzielles Futter" und "lebendig". Spitze haben generell keinen großen Jagdtrieb (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). Auch die Rohfütterung macht sie daher nicht plötzlich zu begeisterten Wildjägern.
Hunde, die eine (genetische) Veranlagung zum Jagdtrieb haben, jagen auch bei einer Ernährung mit billigstem Trockenfutter gerne. Umgekehrt fördert die Rohfütterung bei jagdfaulen Hunden nicht den Jagdtrieb.
Was aber passieren kann: Der plötzlich angemessen hohe Fettgehalt, die hochwertigen Proteine und der Nährstoffreichtum durch die Rohfütterung verhelfen zu einem stabileren Energielevel. Manchmal wird dadurch noch der lethargischste Hunde-Opa wieder zum kleinen Spielkind, äh, -hund.
Was ist mit den gefährlichen splitternden Knochen?
Dass Knochen splittern können ist kein Geheimnis, doch dieses Thema wird häufig mit einer unglaublichen Doppelmoral gehandhabt. Aber erst einmal zu den Knochen: Ja, sowohl gekochte als auch rohe Knochen splittern. Aber: gekochte bzw. erhitzte Knochen tendenziell feiner und damit spitzer. Beim Erhitzen bzw. Kochen wird Knochen Feuchtigkeit entzogen. Das macht sie nicht nur härter, sondern auch splitterfreudiger.
Aus diesem Grund empfiehlt die Rohfütterung nicht nur, dass Knochen immer nur roh verfüttert werden (und eben nicht die Reste der Hähnchenflügel vom Barbecue, denn die sind natürlich erhitzt worden). Es wird außerdem an jeder Stelle darauf hingewiesen, dass nur fleischige Knochen verfüttert werden sollen. Also Knochen, die ihren natürlich gewachsenen Fleischmantel noch haben:
Fressen unsere Hunde fleischige Knochen wie Hälse, zerbeißen sie diese vor dem Abschlucken. Durch den Fleischmantel werden die Knochenstücke im Fleisch isoliert abgeschluckt. Alternativ kann natürlich jederzeit auf gewolfte Knochen oder Knochenmehl zurückgegriffen werden, um das Splitter-Problem ganz zu umgehen.
Jetzt zur Doppelmoral: Viele Roh-Gegner warnen vor allem vor der Knochenfütterung, weil sich der Hund ja den Rachen aufspießen könnte. Gleichzeitig geben sie ihren eigenen Hunden mit Wonne die riesigen Schinkenknochen vom Futterladen "zum Knabbern". Was vereinen diese Kochen? Genau: Sie sind erhitzt und praktisch blank. Vor allem große Hunde, aber auch kleinere Hunde mit großer Motivation, können hier Stücke herausbeißen und abschlucken - blanke Knochenstücke, also Splitter.
Und: Schinkenknochen sind tragende Knochen. Also Knochen, die dafür gemacht sind, schwere Tierkörper zu tragen. Diese Knochen sind besonders hart. Und zwar so hart, dass sie Hundezähne splittern lassen können, was irgendwann zu abgebrochenen Zähnen und Entzündungen im Maul führt.

Ist Rohfütterung nicht unausgewogen?
Vor allem viele Tierärzte sind nicht begeistert von der Rohfütterung. Wenn es nach ihnen geht, fehlen dem Hund dabei wichtige Nährstoffe. Ist der Hund aber gesund, hat glänzendes Fell und "Top-Blutwerte", trotz Rohfütterung, dann ist das ein Wunder. Und ist der Hund krank, hat vielleicht einen Hotspot, schlechte Zähne oder eine Hüftdysplasie - dann liegt das mit großer Wahrscheinlichkeit an der Rohfütterung. Zumindest, wenn man seinen Tierarzt fragt.
Kein Wunder: Tierärzte werden sicherlich ständig mit Haltern konfrontiert, die ihren Hund tatsächlich mangelhaft ernähren. Immer wieder bekommen auch wir mit, dass die Rohfütterung praktisch nur aus rohem Fleisch aus dem Supermarkt besteht. Oder der Fettgehalt ist über Jahre so unterirdisch niedrig, dass man es dem Hund schon am Fell ansieht. Organe? Häufig Fehlanzeige. Knochen? Viel zu gefährlich.
Wer Rohfütterung überstürzt angeht, der riskiert faktisch eine unausgewogene Ernährung. In diesem Sinne ist dann sogar das fertige Trockenfutter "gesünder", da es den Nährstoffbedarf zumindest ansatzweise abzudecken versucht.
Wer sich aber ein sinnhaftes Fütterungsmodell aussucht, vernünftig einliest, anfangs Zutaten abwiegt und ein Gefühl dafür bekommt, wie viel der eigene Hund von welchen Zutaten und Nährstoffen braucht, der kann tatsächlich ausgewogen Roh füttern.
Rohes Fleisch ist doch belastet mit Bakterien ...?
Der Hygiene-Aspekt bei Rohfütterung wirkt vor allem auf Familien mit Kleinkindern häufig abschreckend. Krankmachende Bakterien wie E. coli und Salmonellen sind hier am meisten gefürchtet. Und ja: Rohes Fleisch kann Bakterien enthalten, unabhängig von seiner Herkunft und seiner intendierten Verwendung.
Doch auch rohe Zutaten, die in Online-Shops für BARF & Co. bestellt werden, unterliegen regulierten Hygiene-Anforderungen für Produktion und Lagerung. Sie werden zudem durchgehend gekühlt gelagert und transportiert, um einer Vermehrung von Bakterien vorzubeugen.
Zudem gelten bei der Rohfütterung dieselben Hygiene-Standards wie bei der Zubereitung von rohem Fleisch für den menschlichen Verzehr: Rohe Zutaten sollten immer nur mit eigens hierfür designiertem Geschirr (Schalen, Messer etc.) in Berührung kommen, Oberflächen nach Zubereitung desinfiziert und Näpfe und anderes Geschirr regelmäßig gespült und gereinigt werden. Wer mag, kann natürlich Handschuhe nutzen; gründliches heißes Händewaschen mit Seife ist aber ausreichend.
Für unsere roh ernährten Hunde sind dabei keine besonderen Vorkehrungen notwendig. Ihr Darm ist auf kurze Verdauungszeiten ausgelegt und ihre Magensäure mit einem pH-Wert um 1 sehr sauer. Sie bietet Bakterien wie beispielsweise Salmonellen (pH-Wert 4 bis 9) und E. coli (pH-Wert 5,5 bis 8) keine Grundlage zur Vermehrung; der Hund scheidet sie abgetötet wieder aus.
Problematisch wird es, wenn der Hund mit Trockenfutter ernährt wird: Dann steigt der pH-Wert im Hundemagen auf gut 4 bis 5 an. Hiermit bieten sich plötzlich viel bessere Bedingungen für die Vermehrung von schädlichen Bakterien.
Die Krux an der Sache: Auch Trockenfutter wird immer mal wieder wegen Belastung mit Bakterien wie E. coli und Salmonellen von Herstellern zurückgerufen. Das Erhitzen des Trockenfutters während seiner Herstellung ist kein Garant für Keimfreiheit.

Kleine Hunde dürfen kein Roh.
Wieso?
Nein, wirklich: Es gibt keinen Grund, weshalb kleine Hunde nicht roh ernährt werden dürften. Ja, sie haben ein kleineres Maul, kleinere Zähne, haben tendenziell früher weniger Zähne im Maul und sind obendrein meist noch mäkelig beim Futter. Das hält aber keinen dickköpfigen, äh, zielstrebigen Halter davon ab, seinen kleinen Hund roh zu ernähren. Zudem ist die Aufteilung der Nährstoffe genau dieselbe wie bei großen Hunden, nämlich etwa 80 % Fleisch & Fett, 10 % Knochen, 10 % sekretierende Organe.
Die Zahnproblematik lässt sich leicht mit gewolften Knochen oder Knochenmehl umgehen. Kaumöglichkeiten können auch durch Gabe von Kausnacks (getrocknete Rinderkopfhaut, Rinderhufe usw.) geschaffen werden. Sie müssen nicht in Form ganzer Knochen erfolgen. Wer doch ganze Knochen füttern möchte und kann, hat mit Geflügelknochen eine breite Auswahl: Hälse, Flügel, Schenkel, Füße und auch Stücke von fleischigen Karkassen sind möglich. Auch ganze Salzwasserfische bieten sich an, um den Knochenbedarf zu decken.
Eine Besonderheit bei den Kleinen gibt es: Sie benötigen verhältnismäßig mehr Futter auf ihr geringes Körpergewicht als größere Hunde. Das liegt am erhöhten Energiebedarf ihres kleinen Körpers. Während größere Hunde häufig gut mit 3 % auskommen, auch aktivere Exemplare, benötigen selbst die faulen Kleinen gerne mal 4 oder 5 % vom Körpergewicht an Futter.