
MIT MERLE

Bei der Zucht mit Merle scheiden sich die Geister, obwohl die verantwortungsvolle Zucht mit dem Gen so einfach ist. Das gilt im Übrigen genauso für die Merlezucht beim Pomeranian bzw. Zwergspitz und Kleinspitz. Wieso ist Merle aber scheinbar allgemein so ein großes Problem?
Die Antwort: Unwissenheit und Ignoranz.
Wir sehen immer mal wieder Würfe mit verdächtig hohem Weißanteil auf Internetportalen oder bei Züchtern mit Sachkunde nach § 11 und Zuchtstättenabnahme durch das örtliche Veterinäramt. Es sind eben nicht nur die Vermehrer und vermeintlichen Hobby-Züchter, die Fehler in der Merle-Zucht machen.
Zur Erinnerung: Die Verpaarung von zwei Hunden, die das Merle-Gen "tragen", ist strafbar und wird von Veterinärämtern heiß verfolgt. Mitunter mit hohen Geldstrafen.
Dabei ist die Zucht mit Merle wirklich keine Wissenschaft. Zumindest wenn man ein simples Ziel hat: Doppelmerle vermeiden. Denn dann braucht es genau einen Genetiktest für den (scheinbar) nicht-merlefarbigen Hund der geplanten Verpaarung. Dieser eine Test entscheidet darüber, ob die Verpaarung stattfinden kann oder nicht.
Für alles zum Thema Merle empfehlen wir übrigens die Internetseite von Mary Langevin (merle-sine-insertion-from-mc-mh.webnode.page) sowie ihr aktuelles Buch aus 2022.

Diese Grafik von Mary Langevin dient als Basis für alles, was Merle betrifft. Denn sie definiert die verschiedenen Längen des Poly-A-Schwanzes, von 200 bis 280 Basenpaaren, und ihre Unterteilung in verschiedene optische Ausprägungen von Merle: Mc, Mc+, Ma, Ma+, M und Mh. Denn Merle ist nicht gleich Merle, sondern verhält sich je nach Basenpaarlänge ganz unterschiedlich.
Merle ist ein kleines Stück DNA (SINE-Insertion genannt), das sich an einem bestimmten Punkt in die Chromosomen eines Hundes einfügt und damit das Verhalten von Zellen beeinflusst, in diesem speziellen Fall also die Ausprägung seiner Farbmusterung ändert. Alle Säugetiere haben solche eingefügten DNA-Elemente an verschiedenen Stellen in ihrer Genetik, die verschiedenste Auswirkungen haben. Merle ist nicht der Einzelfall.
Dieses Stück DNA, das sich beim Hund auf dem SILV-Gen inseriert, besteht aus drei Teilen: Kopf, Körper und Schwanz. Letzterer besteht aus einer Reihe sich wiederholender Basenpaare, die sich in die DNA des Hundes einfügen. Dieser Teil wird Poly-A-Schwanz genannt und kann unterschiedlich lang sein; genauer gesagt zwischen 200 bis 280 Basenpaare lang.

Merle ist keine Fellfarbe, sondern bezeichnet die Musterung des Fells. Ein Spitz kann bspw. die Fellfarbe Black und die Musterung Merle haben. Merle macht keine Fellfarbe, sondern beeinflusst, wie sich die vorhandene Fellfarbe über den Hund verteilt.
Und hier kommt die Basenpaarlänge in's Spiel: Denn je Länge der SINE-Insertion (d. h. je höher die Zahl der Basenpaare) desto auffälliger ist die Ausprägung der Merle-Optik letztendlich. Das Tückische: Je nach Basenpaarlänge sieht man manchen Hunden ihr Merle-Gen gar nicht so richtig an.
m
Mc
Mc+
Ma
Ma+
M
Mh
Nichtmerle
Kryptisches Merle
Atypisches Merle
Merle
Harlekin-Merle
200 - 230 BP
231 - 246 BP
247 - 254 BP
255 - 264 BP
265 - 268 BP
269 - 280 BP
Was ist nun der Unterschied zwischen einem Merle-Test und dem Test auf die Basenpaarlänge? Der ist nicht groß, denn beide werden als Merle-Test verkauft. Im Grunde machen beide Tests auch dasselbe, nämlich anzeigen, ob ein Hund das Merle-Gen hat oder nicht. Manche Tests spucken bisher immer noch nur "Ja" oder "Nein" (also "M" oder "m") für Merle aus.
Die meisten Labore haben mittlerweile verstanden, dass die zusätzliche Information der Basenpaarlänge deutlich signifikanter ist als nur "M" oder "m". Wer heute einen Merle-Test bspw. bei Labogen bestellt, bekommt also direkt auch das Ergebnis der Basenpaarlänge mitgeteilt, also die Zahl (200 bis 280) plus die Bezeichnung (Mc bis Mh).
Übrigens: Die Basenpaarlänge eines Hundes lässt sich mittels eines einzigen Backenabstrichs (alternativ auch Blutprobe) feststellen. Labore wie Labogen schaffen dies mittlerweile innerhalb einer Woche und für weit unter hundert Euro.
Und: Das kleine Abstrich-Set wird einem auf Bestellung per Post zugeschickt und auf demselben weg zurück an das Labor gesendet. So einen Merle-Test sollte nun wirklich jeder Züchter, angehender Züchter und Deckrüdenbesitzer wortwörtlich vom Sofa aus hinbekommen.
Außerdem: Wer sich den Backenabstrich wirklich gar nicht zutraut, kann auch einfach eine Blutprobe beim Tierarzt nehmen lassen. Dieser füllt das Antragsformular für Labogen (Laboklin) aus und verschickt Antrag und Blutprobe direkt an das Labor. Das Ergebnis teilt der Tierarzt dann dem Halter mit. Es ist wirklich so einfach.

Die wohl häufigste Variante von Merle beim Spitz ist das Mh-Merle (Harlekin-Merle). Es ist die längste Basenpaarlänge (269 - 280 BP) und sorgt meistens auch für die stärkste optische Ausprägung des Merlemusters. Daneben kommt auch das gewöhnliche M-Merle häufig beim Spitz vor, selten das kryptische Merle (Mc und Mc+). Atypisches Merle scheint es hingegen kaum beim Spitz zu geben, dafür kommt es in anderen Rassen wie Border Collie und Australian Shepherd häufiger vor.
Mh-Merle: Die stärkste optische Ausprägung des Merle-Gens ist auch die heikelste.
Zwei Gründe: Zum einen kann Mh-Merle als einzige Merle-Variante zu Taubheit oder Hörminderungen führen, ohne dass der betroffene Hund Doppelmerle ist (später mehr dazu). Mh-Merle ist in der Lage, Pigment komplett zu löschen, und dann entsteht Weiß. Je mehr Weiß am Kopf vorhanden ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass auch im Innenohr Pigment fehlt. Fehlendes Pigment bedeutet dort fehlende Möglichkeit der Nervenreizweiterleitung und damit eine negative Beeinflussung des Gehörs.
Zum anderen kann Mh-Merle sich eben nicht nur als klassiches Merlemuster ausprägen, sondern als Minimal-Merle. Hunde in Minimal-Merle weisen nur an ganz wenigen Körperstellen das klassische Merlemuster auf und präsentieren sich ansonsten wie ein Merle-freier Hund. Solche Stellen können ein Bein, eine Gesichtshälfte oder sogar nur eine winzige Stelle am Ohr oder am Zeh (beispielhaft) sein. Diese werden sehr schnell übersehen, sodass manche Minimal-Merle ohne Genetiktest für Nichtmerle-Hunde bzw. Merle-frei gehalten werden.
M-Merle: Das Standard-Merle-Muster wird durch M (265 - 268 BP) hervorgerufen. Diese Variante von Merle kann für sich keine der bekannten gesundheitlichen Beeinträchtigungen (also Taubheit/Hörminderung oder Blindheit/Sehminderung und deren Kombinationen) hervorrufen. Es gilt für sich genommen als völlig problemlos, denn es ist im Normalfall sehr gut sichtbar und vererbt sich in der Regel auch so weiter. M ist daher auch das erstrebenswerteste Merle für unsere Zucht.
Mc-Merle: Mc und Mc+ sind zwei Sonderfälle. Sie haben die kürzesten Basenpaarlängen (200 - 230 BP für Mc und 231 - 246 BP für Mc+) und verhalten sich optisch überhaupt nicht so, wie man es von Merle erwarten würde.
Mc-Merle ist optisch nicht erkennbar: Es produziert keine Merlemusterung (Nie!) und kann nur mittels Genetiktest erfasst werden. Tatsächlich ist Mc im Grunde nichts anderes als Nichtmerle, wird aber in Genetiktests standardmäßig als eine Variante von Merle erkannt.
Das Gute: Selbst bei unbeabsichtigten Doppelmerle-Verpaarungen von Mc mit anderen Merle-Varianten kann es zu keinen der bei Doppelmerle bekannten gesundheitlichen Einschränkungen kommen; außer bei der Verpaarung von Mh und Mc, da Mh alleine (siehe oben) schon für sich heikel ist.
Mc+ ist minimal anders und zwar insofern, dass es manchmal (bei längerer Basenpaarlänge) die Fellfarbe insgesamt leicht aufhellt. Solche Hunde sehen dann aus wie eine komische Form von Dilut (d. h. Lilac und Blue beim Spitz), die irgendwie schiefgelaufen ist (häufig irgendwie "dreckig"). Andere Hunde mit Ergebnis Mc+ sehen, genau wie bei Mc, einfach aus wie Nichtmerle-Hunde. Das ist vor allem bei kürzeren Basenpaarlängen der Fall. Wichtig: In jedem Fall kann auch Mc+ kein herkömmliches Merlemuster produzieren.
Bei unbeabsichtigten Doppelmerle-Verpaarungen von Mc+ mit höheren Merle-Varianten (vor allem bei M und Mh) kann es schon zu einem auffallenden Weißanteil kommen. Ein leicht erhöhtes Risiko für Hörminderung oder Taubheit besteht ebenfalls.
Diese aktuelle Tabelle von Mary Langevin (links/oben) und ihre etwas veraltete deutsche Übersetzung auf der Labogen-Website (rechts/unten) zeigen den fließenden Übergang zwischen problematischen und unproblematischen Merle-Verpaarungen auf. Hier sind sowohl Verpaarungen von Merle und Nichtmerle als auch Doppelmerle-Verpaarungen eingeschlossen. Aus diesem Grund sollte diese Tabelle als einfacher Leitfaden für jede einzelne geplante Merle-Verpaarung gelten.
Auffallend ist auch hier, dass Mh-Merle für sich (also ohne Doppelmerle) schon als Low Risk bzw. geringes Risiko deklariert ist. Eben weil es für sich alleine genommen schon zu Hörminderungen oder Taubheit führen kann, wenn auch sehr selten.
Nach aktueller Situation sollten in Deutschland natürlich möglichst alle Merle-mal-Merle-Verpaarungen gemieden werden. Doppelmerle zu züchten verstößt gegen das Tierschutzgesetz, da bei bestimmten Konstellationen mit Einschränkungen bzw. Leid bei betroffenen Hunden zu rechnen ist. Die wenigsten Beamten verstehen Merle so weit, dass sie zwischen sicheren und riskanten Doppelmerle-Verpaarungen differenzieren können.
DOPPELMERLE
Das ganze Gerede um Doppelmerle und bisher wurde kein Satz darüber verloren, was genau das überhaupt sein soll: Das holen wir jetzt nach. Und da wir noch nie einen Doppelmerle-Welpen in unserer Zuchtstätte hatten (Genetiktests sei Dank), können wir an dieser Stelle leider kein lizenzfreies Bild anbieten.
Für das Paradebeispiel eines Doppelmerle-Hundes stellen Sie sich an dieser Stelle bitte einen Merle-Hund mit großflächig ununterbrochenem Weißanteil an Kopf, Brust, Nacken und teilen vom Rücken vor, der nur wenige Farbflecken an den oben genannten Stellen aufweist. Der Rest des Körpers mag eine normale Merlemusterung aufweisen. Die Augen dieses Hundes sind beide hellblau (was an sich nicht problematisch ist!) und deformiert, d. h. etwas verkleinert und irgendwie krumm wirkend. Seine Pupillen wirken unrund und irgendwie schief. Viele eigentlich pigmentierte Hautstellen in seinem Gesicht (Augenleder, Nasenleder, Lefzen) sind hellrosa.
Nun haben wir den typischen Phänotyp (optische Ausprägung) eines klassischen Doppelmerle-Hundes geklärt. So ein Phänotyp kommt vor allem bei Verpaarungen von zwei höheren Basenpaarlängen zustande. Nicht jeder Doppelmerle-Hund sieht so aus und nicht jeder Doppelmerle-Hund hat überhaupt Beeinträchtigungen des Gehörs bzw. der Augen.
Und genau das ist Doppelmerle: Bei der Verpaarung zweier Merle-Hunde hat jeder entstehende Welpe eine 25-prozentige Chance, von beiden Elternteilen ein Merle-Allel zu erben. Er hat dann genau zwei Merle-Allele und ist somit Doppelmerle. Daneben hat auch jeder Welpe aus so einer Verpaarung eine 25-prozentige Chance, gar kein Merle zu erben, und eine 50-prozentige Chance, nur ein Merle-Allel zu erben.
Vereinfacht gesagt: Ein Merle-freier Hund hat kein Merle-Allel. Ein "normaler" Merle-Hund hat nur ein Merle-Allel. Ein Doppelmerle-Hund hat zwei Merle-Allele (je ein Allel von einem Elternteil) und das ist häufig doof.

Das obenstehende Bild zeigt einen Merle-Spitz mit nur einem Merle-Allel. Genetisch spuckt das Labor diesen Spitz als "M/m" aus. Das große "M" steht für Merle, das kleine "m" für Nichtmerle. Laut Labor hat die SINE-Insertion, genauer der Poly-A-Schwanz, dieses Spitzes eine Länge von 267 BP. Damit hat dieser Spitz die klassische Merle-Variante "M", die ohne jegliche gesundheitliche Einschränkungen einhergeht.
Da M und Mh nah beieinander liegen, können auch manche Mh-Hunde in etwa so aussehen wie dieser Spitz, d. h. ohne Weißanteil, der durch das Merle-Gen verursacht ist. Weil M und Mh sich beim Spitz optisch meist sogar kaum merkbar unterscheiden, ist der Merle-Test inklusive Basenpaarlänge so wichtig.
Viel wichtiger ist aber noch der Merle-Test für alle Spitze, die nicht optisch Merle-farbig sind. Jeder Züchter, der einen Merle-farbigen Hund mit einem Nichtmerle-farbigen Hund verpaaren möchte, muss den Nichtmerle-farbigen Hund auf Merle testen. Er muss zwingend sicherstellen, dass der optisch Nichtmerle-farbige Hund auch genetisch Merle-frei ist. Alles andere ist halbgar und, kurz gesagt, Schwachsinn. Denn solche Gut-Glück-Verpaarungen sind der Grund, wieso immer mal wieder Doppelmerle-Würfe auftauchen und Merle weiter verteufelt wird - bis zum Verbot.
Aus diesem Grund verstehen wir auch die vielen Deckrüdenbesitzer nicht, die ihre Nichtmerle-farbigen Rüden partout nicht genetisch testen wollen. Können sie von außen sehen, ob ihr Deckrüde kryptisches Merle hat? Vielleicht sogar Mh-Merle, das nur von Sable oder Creme bzw. Weiß verdeckt wird? Nein, können sie nicht. Behaupten sie dennoch felsenfest, dass ihr Rüde gar nicht Merle sein kann, ohne ihn je getestet zu haben? Ja. Schadet das dem Ruf von Merle, wenn mal wieder ein Doppelmerle-Wurf mit gesundheitlich beeinträchtigten Welpen auftaucht? Auch ja.

